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Sudwestpresse 22.5. 2003

Reformpädagogik als Wurzel für heutige Konzeptionen
Von "schiefen Mädchen" bis zu Wandervögeln

Die Wurzeln des heutigen Schulsports liegen in den vergangenen drei Jahrhunderten. Dr. Franz Begov hat sich auf einen Streifzug durch die Geschichte der Leibeserziehung eingelassen. Im folgenden Interview schlägt der Tübinger Sporthistoriker den Bogen zur Gegenwart.
 
Auf den Spuren der Geschichte
der Leibeserziehung: 
Dr. Franz Begov. 

Herr Begov, heute wird von Schulsport gesprochen. Wo liegen denn die Ursprünge der Leibeserziehung?

FRANZ BEGOV: Den Begriff Schulsport gibt es erst seit der Curriculum-Theorie Ende der 60er-Jahre. Gymnastik, angelehnt an das griechische Vorbild, wurde aber schon Ende des 18. Jahrhunderts zum ersten Mal in den schulischen Lehrplan integriert. Die erste Anstalt wurde 1774 in Dessau gegründet, die bedeutendste war dann Schnepfental bei Oberhof im Thüringerwald. 1793 schrieb GutsMuths seine "Gymnastik für die Jugend". Ein Philanthropin war allerdings eine exklusive Einrichtung, die nur von den Kindern wohlhabender Leute besucht wurde.

Welches Bewegungsgut entsprach denn den Vorstellungen der Pädagogen um GutsMuths?

BEGOV: Der Körper sollte der Lehrer für die geistige Entwicklung sein. Es ging um die Vervollkommnung des Menschen. Bildung wurde als unvollständig angesehen, wenn sie das Körperliche nicht in angemessener Weise berücksichtigte. Wichtig waren Klettern, Laufen, Springen, Balancieren, Schwimmen, auch Eislaufen. Dazu kamen an den Heimschulen Tätigkeiten wie Gartenarbeit oder Holzhacken.

Heute wird der schlechte körperliche Zustand von Kindern und Jugendlichen beklagt. Waren denn schon in der Zeit der Gymnastik körperliche Missstände erkennbar?

BEGOV: Zivilisationskrankheiten waren das Thema der Aufklärungsmedizin im ausgehenden 18. Jahrhundert: Verweichlichung, Übergewicht, Haltungsschwächen, Kurzatmigkeit, psychische Störungen, auch Kleidung, die die Atmung eingeengt hat. Die Pädagogik jener Zeit hat diese Gedanken aufgenommen. Die Missstände sollten beseitigt werden. Ab 1832 wurden auch Übungen für die sogenannten "schiefen Mädchen" eingeführt.

Um den Sinn von Zensuren im Sportunterricht ist in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gestritten worden. Gab es denn in jener Zeit schon Noten?

BEGOV: Es gab bei den Philanthropen erste Ansätze. Bei besonders guten Leistungen wurde in eine Meritentafel aus Holz ein kupferner Nagel eingeschlagen. Es gab also durchaus Gütemaßstäbe im Hinblick auf Lernfortschritte. Mit der Einführung des Schulturnens Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Fach in den Lehrplan und die Note ins Zeugnis aufgenommen. 1842 wurde nämlich beschlossen, dass Turnen ein notwendiger und unentbehrlicher Bestandteil der männlichen Erziehung sein sollte. Zunächst wurde es an höheren Schulen, dann an Volksschulen und später auch für Mädchen eingeführt.

Unter Spiess haben im Schulturnen mechanistische Bewegungs-Anweisungen dominiert. Warum?

BEGOV: Die medizinische Argumentation war, dass bei Untersuchungen zur Wehrtauglichkeit die Anforderungen zunehmend nicht erfüllt wurden. Die Schule sollte Abhilfe schaffen: mit Ordnungsübungen, die mit mechanistischem Drill ausgeführt wurden, mit einer Sucht nach Systematisierung, mit exerziermäßigem Marschieren nach vorgegebenem Takt und Befehl.

Welche Phase der einstigen Entwickung hat denn den Schulsport von heute am meisten beeinflusst?

BEGOV: Die Wurzeln sind in der Reformpädagogik um die Jahrhundertwende zu suchen. Der Ansatz kam aus einer Zivilisations-Kritik. Gefordert wurde natürliches Turnen, das kind- und entwicklungsgemäß war. Der Lehrer trat in den Hintergrund und wurde mehr Berater. Bewegung sollte einfach, lebensnah, praktisch und umweltbezogen sein. Skilaufen, Schwimmen, Wandern waren wichtig. Anstöße der Jugend-, Wandervogel- und Landerziehungsheim-Bewegung förderten das soziale Erleben. Überdies wich das Korsett einer weiten und bequemen Kleidung. Das ging bis zur Nacktkörperkultur auch an Schulen.

Heutzutage werden häufig nicht einmal die im Stundenplan vorgeschriebenen drei Wochenstunden Sportunterricht erteilt. War es damit einst besser bestellt?

BEGOV: Bei den Philanthropen war die tägliche Stunde nicht Forderung, sondern Realität. Später wurde das Schulturnen an höheren Schulen viermal wöchentlich angeboten. Zu Zeiten der Reformpädagogik wurden in einer Gesetzesinitiative sechs Wochenstunden empfohlen. Das zeigt, dass unser heutiges Schulsystem weit zurückgefallen ist hinter die damaligen Forderungen. Was den Erziehungsanspruch betrifft, war man damals in vielem fortschrittlicher als wir es heute sind.

Ende des 18. Jahrhunderts war die tägliche Bewegungsstunde 
der Schüler Realität: u. a. mit Klettern und Stabweitsprung.
Aus: "Gymnastik für die Jugend", 1793 
 
Gutsmuths Spielebuch von 1796


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