Schulsporterlebnisse


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Schulsport hinterlässt oft einen nachhaltigen Eindruck. Aber nicht nur die positiven Erfahrungen bleiben in Erinnerung, manchmal spielen auch Enttäuschungen und persönliche Verletzungen eine große Rolle. Auf dieser Seite soll davon berichtet werden.

Weitere Beiträge werden gerne veröffentlicht.



 
 

Mein Sportunterricht im Gymnasium: 5.-13. Schulstufe (Matura, Abitur)

von A.P.

In der Elementarschule waren die baulichen Voraussetzungen für einen Sportunterricht nur ansatzweise vorhanden. Es gab keinen Sportplatz, Rasenfläche oder sonstiges. Für die „Leibesübungen“ war ein relativ kleiner Gymnastikraum für 20-25 Kinder vorhanden. Auf Grund der Enge wurden kaum Ballspiele betrieben. Die Ausstattung mit Geräten war eher spartanisch, Sprossenwand, Kästen, Bänke, Matten, Medizinbälle, viel mehr wird es nicht gewesen sein und der Unterricht nicht besonders spannend und einprägsam, für Kinder eher langweilig. Aus heutiger Sicht war es ein Ausgleich für das lange Stillsitzen in der Klasse, und die Lehrerin legte großen Wert auf langsame Gymnastik, die jetzt wieder modern ist (Gesundheitsturnen wie es in Kranken- und Kuranstalten) betrieben wird.

Sie selbst musste aus Gesundheitsgründen lange Zeit vertreten werden, weshalb der Unterricht häufig entfiel. Weil Sport im Schulunterricht keine große Rolle spielte, fielen meine Schwächen wenig auf.

Im Gymnasium fing der Ernst des Lebens richtig an. Es war so gut wie alles neu. Die Baulichkeiten, die vielen Fachlehrer und vor allem die neuen Klassenkameraden, von allen möglichen Schulen und Orten kamen. In dieser großen Umstrukturierungsphase sollte der Turnunterricht eigentlich nicht weiter aus der Reihe fallen. Vielleicht war es auch für viele auch so, ich habe es jedoch anders erlebt.
 
 

Bauliche Rahmenbedingungen:

Hallensport:
Umkleideräume: Großraumgarderoben als Vorräume zu den Turnhallen mit Holzbänken und Kleiderhaken, völlig unauffällige Gruppenumkleiden wie in anderen Sportstätten.

Sanitärräume: ein paar wenige offene Duschen, Hand- und Fußwaschbecken, die aus Zeitgründen nie benützt wurden. Ob das Wasser überhaupt warm war, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls wurden wir darüber nicht ausreichend informiert.

Turn- oder Sporthallen:
Sie waren dem damaligen Standard der frühen siebziger Jahre relativ gut ausgestattet, versprühten sogar eher modernes Image. Es gab versiegelte Parkettböden mit federnder Unterkonstruktion und Geräte massenhaft. Nachteilig war die Überfrequentierung bzw. eher schlampige Reinigung der Räume, weil ständig Staubwollmäuse am Boden sichtbar und die Hände und Füße (barfuß) nach dem Sport sehr schmutzig waren. Die Luft war eher muffig, ein Geruch, den man als Schüler nie vergisst. Auch im Winter musste zu Beginn der Stunde kräftig gelüftet werden, was zu einem erheblichen Absinken der Raumtemperatur führte. Die Hallen durften von den Schülern aus Gründen der Schonung des Bodens - im Unterschied zum Lehrer - nur barfuß betreten werden, vielleicht weil es keine eigenen Hallensportschuhe gab und die Sportschuhe auch im Freigelände getragen wurden. Gegen Ende der Schulzeit wurde es je nach Lehrer etwas „liberaler“ und es durften in der Halle sogar Sportschuhe getragen werden.
 
 

Freigelände:
2 Basketballplätze verschiedener Größen, 1 mittleres Fußballfeld, 1 100m- Bahn, Weitsprunggrube, Kugelstoßfeld aus Sand, dazwischen Rasen, keine Rundlaufbahn.

Die Plätze waren rot-asphaltartig und erinnerten an freizugängliche kommunale Spielplätze für Jugendliche. Sie hinterließen deutliche Spuren an den Handflächen von den Kiessteinchen bei der Bodengymnastik und rote Schuhsohlen. Das Vergessen der Turnschuhe, die natürlich nicht in den Schulräumen getragen werden durften, war nicht ratsam, denn dann ging es eben barfuß los, was eher schmerzhaft war und man unter spöttischen Bemerkungen auf die wenigen dazwischen liegenden Rasenflächen ausweichen durfte. Manchmal wurde legal oder illegal irgendwelche Schuhe von anderen Schüler ausgeborgt, was der Lehrer natürlich nicht wissen durfte. Einmal war der Lehrer so verärgert und hat er uns sogar gedroht, alle am Freiplatz barfuß laufen zu lassen, weil einer oder mehrere keine Sportschuhe dabei hatten, aber seine Drohung letztlich doch nicht wahr gemacht.

Der Fußballplatz war mit wie eine Aschenbahn mit Feinschotter. Die Bodenhaftung war wie auf stark mit Rollsplitt gestreuten Straßen, mit langen Spuren der Bremsmanöver der Fußballer. Stürze hatten meist immer blutige Knie zur Folge. Das Fußballspielen ohne Verwendung von Sportschuhen (s. später) war hier absolut unmöglich.

In späteren Jahren wurde der Belag durch eine Kautschuk-Gummimischung, der in der Sonne herrlich duftete, ersetzt. Die Bodenhaftung war im trockenen – im Gegensatz zum feuchten - Zustand extrem gut. Der Belag war für die Bodengymnastik oder zum Springen eigentlich recht angenehm, da er leicht nachgab.
 

Bekleidung der Schüler (Equipment):

Zu Beginn des Schuljahres mussten die Eltern ein bis zwei dieser extrem kurz und relativ eng geschnittenen schwarzen Baumwoll- oder Kunststoffshorts besorgen. Darüber genügte ein ärmelloses weißes Unterleibchen, das auch als Unterhemd getragen wurde. Zumindest für die Halle war man gerüstet, denn es wurde ja barfuß geturnt.

In der Sommer-/Herbstsaison, deren Beginn zumindest einen Tag vorher bekannt gegeben wurde, wurde im Freien geturnt. Dann folgte ein hektisches Erstürmen der Schuhgeschäfte mit einem Erziehungsberechtigten und ein herbstlicher Run auf diese gerade noch leistbaren, grässlichen Leinenturnschuhe. Diese dunkelblauen oder gar dunkelbraunen Stoffmodelle mit sehr biegsamer, relativ dünner und leicht brüchigen weißer oder dunkler Gummisohle. Die Stabilität war null, dafür spürte man das kleinste Steinkörnchen. In so ähnlichen Modellen in grauer oder graugrüner Military-Ausführung sah man auch die Rekruten der nahe gelegenen Kaserne keuchend durch die Gegend laufen. Vielleicht hätte man sie dort gegen Kostenersatz in Kindergrößen mitbestellen sollen, was möglicherweise eher an der Bürokratie beider sich sonst so nahen Institutionen gescheitert ist. Der Preis hätte den Eltern sicher gefallen, da die Lebensdauer meist mit vier bis zwölf Wochen auf dem Schottersportplatz begrenzt war. Oder hätte man sich an der Optik der Zusammenarbeit mit dem Militär oder der Schuhe gestoßen? Mittlerweile dürften sie schon lange auf diversen Mülldeponien oder vielleicht Sportmuseen gelandet sein, wo sie auch hingehören.

Die im Sporthandel angebotenen Markenmodelle waren eher für erwachsene Vereinssportler (zu Sonderkonditionen) oder Sportlehrer, aber nicht für die wachsende Jugend gedacht. Das Tragen von Markenturnschuhen der beiden deutschen Erzrivalen war erst in späteren Jahren Usus und nur der besser verdienenden Schicht vorbehalten. Es war aber kein gesellschaftliches Problem solche Schuhe nicht zu besitzen, weil Modefragen unter uns Jungens unwichtig waren.
 
 

Trainer:
5. – 9. Schulstufe Gymnasium:

Die ersten Sportstunden, wo so alles neu war, waren schon sehr komisch. Der Lehrer ein kleinwüchsiger ca. 50 jähriger Mann legte besonders viel Wert auf Disziplin. Am Beginn mussten wir uns alle der Größe nach auf einer Linie aufstellen und seine Instruktionen befolgen. Wenn in der Umkleide etwas Unordnung herrscht, ließ er uns das Umziehen „üben“. Jeder Verstoß gegen das Sprechverbot oder wenn er mal schlechte Laune hatte, wenn ihm was gegen den Strich ging, ließ er uns die ganze Stunde lang anstrengende "Foltergymnastik" machen, dass der Schweiß in Bächen strömte und bis man fast nicht mehr konnte. Er stand grinsend mit seiner Trillerpfeife da und trieb uns wie ein Ausbilder beim Militär an. Am Ende der Stunde wusste ich manchmal nicht so recht, warum er uns so „bestrafte“. Trotz all der körperlichen Torturen waren diese Stunden für mich psychisch weniger belastend als sonst.

Was das Geräte- oder Bodenturnen anlangte, war er zu meinem Leidwesen besonders kreativ. Leider konnte ich nicht einmal eine einfache Rolle und fand mich bloß gestellt, wenn er mich aufforderte wieder so ein "Kunststück" zu probieren. Mit einem Mehlsack hätte die Übung auch nicht viel besser ausgesehen. Meine fehlende Sportbegabung konnte er nur schwer kapieren. Hin und wieder heulte ich auch, weil ich diese Form von Diskriminierung einfach nicht mehr ertragen konnte und mein Lehrer lenkte dann doch ein. Mit meinen Eltern konnte ich über meine Probleme nur schwer darüber sprechen. Später bestand er nicht mehr darauf, dass ich alle Übungen machen musste und verpasste mir halt eine schlechte Note. OK, ich konnte die Leistungskriterien eben nicht erfüllen, wurde aber etwas „in Ruhe gelassen“.

Die Mannschaftsspiele waren auch eine Katastrophe, weil ich immer als Letzter einer Mannschaft zugewiesen und für das schlechte Spielergebnis verantwortlich gemacht wurde, was mir Leid tat. Mir wäre lieber gewesen, ich hätte nicht mitspielen müssen, weil mich meine Mitschüler, die meist aus anderen Schulen kamen, nicht gerade nett behandelten und bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf meine sportlichen Schwächen hinwiesen, was mich persönlich belastete und große Minderwertigkeitskomplexe auslöste.

Mit dem Kranksein und Turnbeutelvergessen, war es nicht so einfach. Wir mussten immer Bestätigung von Eltern oder Ärzten mitbringen oder einfach in normaler Kleidung mitmachen.

Später wurde er etwas menschlicher, einmal hatte er mich vom Laufen um den Sportplatz in der Mittaghitze kurz vor meinem Zusammenbruch herausgefischt und ein anderes Mal ein Heftpflaster gereicht, als ich bei der Gymnastik am Hartplatz meine Knie aufgeschürft hatte. Ich glaube, er hatte mich vorher immer als unwilligen Drückeberger angesehen, was ich eigentlich nicht wollte. Leider sind wir uns menschlich immer fern geblieben, da im Sportunterricht eine Kommunikation so gut wie nicht möglich war. Ich bin ihm heute nicht mehr böse, er hat es wahrscheinlich nicht besser auf der Uni gelernt, weil Sport früher ausschließlich auf Leistung und körperliche Ertüchtigung (Drill) ausgerichtet war. Die anderen Lehrern seiner Generation waren mir zum Teil noch unsympathischer. Trotzdem hatte ich am Vortag beim Einpacken der Sportsachen so ein flaues Gefühl von Angst von neuartigen Dingen, denen ich wieder nicht gewachsen sein könnte. Diesen kalten Angstschweiß, die zittrigen Hände, das Herzklopfen beim erfolglosen Versuch z.B. eine Eisenstange hochzuklettern etc. werde ich nie ganz vergessen. Die schönsten Momente waren immer die, wenn uns eröffnet wurde, dass der Sportunterricht aus diesen oder jenen Gründen nicht stattfinden könne.
 

10. – 13. Schulstufe:
Hurra endlich, eine jüngerer Sportlehrer. Alles viel lockerer und besser. Heute würde man sagen, so 'n cooler Typ mit Wuschelhaaren und Dreitagebart, frisch von der Uni. Disziplin war ihm nicht das Wichtigste: „Kinder sind eben Kinder und müssen sich halt ein wenig austoben.“ Hin und wieder griff er mit seiner Trillerpfeife ernstlich ein, dann funktionierte es mit der Ordnung doch so ungefähr. Große Drohungen vermied er möglichst. Er brauchte nicht allzu lange, um meine geradezu notorische Untalentiertheit für Sport herauszufinden, es regte ihn nicht auch sonderlich auf, vor allem machte er kein Drama oder hängte es an die große Glocke, wenn ich wieder mal was nicht konnte oder mir ein Spielfehler passierte. Der Instruktor war auch kein Mann der Worte, aber seine Körpersprache signalisierte doch ein mitleidiges Verständnis für meine Ungeschicklichkeit, die er mich menschlich nie spüren ließ. Er sah die Dinge einfach so wie sie sind und versuchte einfach mit uns Bewegung zu machen oder zu spielen. Natürlich konnte er mir nicht die Bestnote (1) geben, gab mir halt eine 2 und damit konnte ich leben.

Sein Nachfolger, ein merkwürdigerweise sensibler ruhiger "Philosoph", war ebenfalls ein Realist, der die Dinge bei mir eben sah, wie sie sind (kein Talent zu Sport). Trotzdem animierte er mich immer beim Volleyball mitzumachen, was ich auch mit mehr oder weniger Erfolg tat. Selbstverständlich diskriminierte er mich nie. Er entschuldigte sich beinahe, mir nur eine Zwei geben zu können und war fast erleichtert, als ich ihm erwiderte, dass es schon gut und ich damit sehr zufrieden sei. Ein Mann von großer Menschlichkeit eben.

Zusammenfassend musste ich feststellen, dass es zwischen den Sportlehrern älterer und jüngerer Generation schon deutliche Unterschiede gibt.

Obwohl ich jetzt sechsundvierzig bin, hat mich die Unterrichtsmethode dieses Nachkriegssportlehrers bis heute psychisch sehr belastet und es tun sich nicht gerade positive Erinnerungen an den Sportunterricht, den ich jede Stunde beinahe wie einen Test fürchtete, auf. Ich hatte lange Zeit gebraucht, um mein Problem zu verdrängen. Ich schrieb diesen Bericht in der Hoffnung auf einen Sportunterricht, der den Kindern und Jugendlichen zu einer zwangloseren angstfreieren Art der Bewegung verhelfen sollte und ich appelliere an alle Sportlehrer, die sich ihrem Berufsethos verpflichtet fühlen, unsere Jugend in möglichst entspannter menschlicher Atmosphäre von Kameradschaft zum Sporttreiben zu bewegen.

Viele Jahre später habe ich ein wenig das Jogging entdeckt, bin aber später dann aber aus gesundheitlichen Gründen auf das Nordic-Walking umgestiegen. Das Laufen im Schulsport war einfach schrecklich, da ich nie mithalten konnte. So in vertrauter Runde wage ich nunmehr meine sportlichen "Talente" zuzugeben. Meine Freunde glauben es mir fast nicht. Zusammenfassend muss ich leider festzustellen, durch unprofessionelle Sporterziehung kann man mehr Menschen vom Sport insbes. Gesundheitssport abhalten als gewinnen, was jeder verantwortungsvoller Sportpädagoge bedenken möge. Sportunterricht ist eben mehr als reine Ausbildung von Körperkraft, hat viel mit Gesundheit und sogar mit dem Vermitteln von ethischen Werten zu tun.

A.P. (46 Jahre alt, männlich)