Internationaler Kongress 
20. - 24. Mai 1998 (Neuchatel/CH)

Welcher Sportunterricht für welche Schule ? 


Aktuelle Version (Dez.2018)
 
Rolf Dober
 

 Sportunterricht und Internet
Das Internet als sportpädagogisches Nachschlagwerk und Diskussionsforum
 
 
 
 

1. Die augenblickliche Situation

Verglichen mit dem großen Wissensfundus, der in Fachbibliotheken zu finden ist, sind die Möglichkeiten zum Auffinden sportpädagogischen Wissens im Internet noch sehr bescheiden. Wer sich z.B. umfassend über Vermittlungsmöglichkeiten einer bestimmten Sportart informieren will, ist auf das Fachbuch oder auf Artikel in Zeitschriften angewiesen. Bilder, Lehrfilme, wissenschaftliche Untersuchungen, kontroverse Debatten aus dem Bereich Sportpädagogik können zur Zeit nur in sehr geringem Umfang aus dem Internet beschafft werden. Eine Stunde in der Bibliothek ist zur Zeit effektiver als ein Tag Internetsurfen. Das könnte jedoch bald anders werden, wenn das Internet verstärkt für die sportpädagogische Diskussion genutzt wird. Erste Ansätze sind vorhanden und neue Perspektiven werden deutlich. Diese möchte ich in meinem Beitrag aufzeigen.
 
 

2. Die Probleme des Sportunterrichts werden durch das Internet nicht gelöst

Die Hauptprobleme des Sportunterrichts liegen zur Zeit mit Sicherheit nicht in der Informationsbeschaffung bzw. in der Beschaffung von Unterrichtsmaterial. Wer neuere sportpädagogische Überlegungen in den Unterricht einfließen lassen will, braucht dazu kein Internet. Wer es nicht will, schon gar nicht. Drohende Unterrichtskürzungen, schlechte Sporthallenbedingungen, überfüllte Klassen mit oft schwierigen Schülern, "vergreisende" Lehrerschaft und die Lehrerarbeitslosigkeit - das sind die drängenden Probleme, die auch dem Sportunterricht zusetzen.

Trotzdem, so denke ich, gibt es auch unter diesen Rahmenbedingungen Perspektiven, die nicht nur für den Computerfreak interessant sind, sondern auch unsere Arbeit bereichern und Hilfen für den Unterrichtsalltag geben können. Es muß aber ausgewiesen werden, worin die tatsächlichen Vorteile des Mediums bestehen und die Einwände gegen die weit verbreitete Interneteuphorie müssen ernst genommen werden (vgl. Stoll, 1995), um nicht zum Geisterfahrer auf der Datenautobahn zu werden und die realen Probleme des Sportunterrichts zu verkennen.
 
 

3. Neue Möglichkeiten - nicht nur ein neues Informationsmedium

Natürlich wäre es schön, wenn ein Großteil der verfügbaren Sportliteratur auch online zur Verfügung stehen würde.
Ich denke, daß hiermit aber noch nicht der neue Aspekt erfaßt wäre, den das Internet für Sportlehrer/innen bieten kann. Es geht nicht nur um einfachere Zugriffsmöglichkeit auf Daten- und Wissensbestände, sondern um neue Arbeits-, Fortbildungs- und Kommunikationsmöglichkeiten, die tatsächlich für die Planung, Durchführung und Auswertung von Sportunterricht genutzt werden können. Daß dies in Zukunft der Fall sein wird, ist keine Frage. Die Frage ist, w i e wir sie nutzen werden und ob wir uns sinnvolle Strukturen schaffen können, die unserer Arbeit bereichern.

Im Internet kann alles publiziert werden, nichts wird zensiert, nichts redaktionell überarbeitet. Kommerzielle Interessen sind kein Kriterium. Vorläufiges kann vorgelegt und ständig verändert bzw. überarbeitet werden.

Die eher chaotische Struktur des Internets macht es allerdings notwendig, daß verstreut vorfindbare Materialien neu organisiert werden müssen. Neben den bekannten Suchmaschinen wie Altavista, Lycos, Yahoo etc., ist es sinnvoll, fachspezifische Projekte zu gründen. Hier können Suchkriterien nicht nur formal, sondern auch inhaltlich sinnvoll zusammengefügt werden.

Mein Projekt "Sportpädagogik-Online" ist ein erster Versuch, relevante Beiträge für Sportlehrer/innen zu systematisieren. Nach Stichworten geordnet ("Abenteuer" - "Zirkus") werden Beiträge aus dem Bereich der Sportpädagogik gesammelt, neue Beiträge speziell aufgeführt, ergänzt um Ankündigungen, Buchtips oder Suchanfragen. Für Interessierte ist so ein Forum geschaffen worden, wo Arbeiten und Ideen vorgelegt und diskutiert werden können (als Einordnung einer Homepage, als e-mail-Kontakt oder Aushang am Pinboard ). Zur Zeit sind ca. 350 Beiträge aus dem deutsch- und englischsprachigen Raum aufgenommen. Ganz anders als bei einer Fachzeitschrift ist der direkte Kontakt zwischen Verfasser und Leser via e-mail sofort möglich, selbst internationale Konferenzen wären in einem "Chat-Raum" kein Problem. Kurzum: es können internationale Netzwerke interessierter Kolleginnnen und Kollegen entstehen.

Das Internet kennt keine Grenzen. Vom Schreibtisch aus kann ich mal schnell Kollegen in aller Welt besuchen, um zu sehen, ob sie neue Unterrichtsideen veröffentlicht haben (z.B. PE Central - "The ultimate site for physical education teachers" - der Titel täuscht leider etwas über den Stand der Dinge), oder "Sports- Media"("A tool for PE teachers ...) oder das  Projekt von John Williams (Ayden Elementary School), der sich besonders um die internationale Diskussion bemüht. Via Internet ist die direkte Lieferung an den Schreibtisch und vielleicht ja auch mal in die Sporthalle möglich. Die relativ einfache und vor allem zeitsparende Zugriffsmöglichkeit ist sicherlich für Lehrer im Alltag ein wichtiger Vorteil.

Im Gegensatz zum Buch können im Internet auch bewegte Bilder in Veröffentlichungen eingebunden werden. Entweder als speicherintensive Videos oder - was viel besser und einfacher ist - als animierte Bildfolgen (animierte gifs), um zum Beispiel die räumlichen, zeitlichen und dynamischen Aspekte einer Lehrbild- oder Übungsreihe zu veranschaulichen. Hier liegt ein spezifischer Vorteils des Mediums, den man sich auf meiner Seite "animierte Lehrbildreihen" einmal genauer anschauen sollte.
 
 
 

4. Sportunterricht, Sportpädagogik , Sportwissenschaft - Neue Wege zwischen Theorie und Praxis

Durch das Internet könnte der Austausch zwischen unterrichtenden und forschenden Kollegen/innen intensiviert werden: Die Praktiker auf den Weg zur Wissenschaft und die Wissenschaftler auf den Weg zur (Unterrichts-) Praxis.

Für mich ist es relativ unverständlich, warum dies weder von Universitäten noch von den Instituten für Lehrerfortbildung bisher in Angriff genommen worden ist. Es könnten online verfügbare Unterrichtsmaterialien entwickelt und zur Verfügung gestellt werden. Bisher basiert die Sportpädagogik im Internet nur auf Privatinitiative, für eine Nutzbarmachung im größeren Rahmen wären unterstützende Institutionen notwendig.

Interessant wäre es auch, wenn Studenten ihre Seminar- und Examensarbeiten veröffentlichen würden, Referendare ihre Unterrichtsentwürfe, und es gibt bestimmt auch Schüler, die etwas beizutragen haben. Wer etwas beizutragen hat, kommt auch wirklich zu Wort.
Ein Buch, einmal fertiggestellt, hat etwas ziemlich feststehendes. Wer kennt sie nicht diese veralteten Sportbücher, die selbst bei einer Neuauflage noch überholte Erkenntnisse verbreiten. Das muß sich zwar bei Veröffentlichungen im Internet nicht automatisch ändern. Aber die Überarbeitung eines Beitrages ist kein Problem. Ja, es ist sogar sinnvoll, eine Internetseite von vornherein als Prozeß zu planen, ständig zu überarbeiten und zu erweitern. Ergänzende oder kontroverse Aspekte sind mittels Hyperlink sofort erreichbar. Rückmeldungen und neue Erkenntnisse können unmittelbar einbezogen werden. Gerade wenn man eine Sache öfters unterrichtet, kommen einem doch immer wieder neue Ideen oder man wurde durch einen anderen Beitrag inspiriert, hat bessere Bilder gefunden oder plötzlich gemerkt, daß man die Sache besser ganz anders angeht. Alles ist in Bewegung. Loseblattsammlungen, wie sie ja auch schon bisher für den Sportunterricht produziert worden sind, haben diese Idee schon immer in sich getragen, mit dem weltumspannenden Internet wäre dies in ganz anderen Dimensionen möglich.

Ein Nachteil ist mit dieser Arbeitsweise aber auch verbunden. Internetseiten können einfach verschwinden, wichtige Informationen gehen einfach verloren oder sind nach einem Serverwechsel schwer auffindbar. Die gute alte Bibliothek hat hier deutliche Vorteile solange nicht auch neue Formen der Archivierung gefunden werden.
 
 

5. Wie Schüler profitieren könnten

Haben Schüler in ein paar Jahren alle einen Computer zu Hause und wird das Arbeiten mit dem Computer auch Bestandteil des täglichen Arbeitens in der Schule, gar des Sportunterrichts?

Ich glaube das zur Zeit nicht, zu schwerfällig ist der Apparat Schule. Fakt ist aber, daß viele Schüler schon längst mit dem Computer arbeiten und das diese Zahl steigt. Selbst wenn nicht alle Schüler begeistert auf neue Methoden des Lernens zurückgreifen werden, so wird auch hier die Frage nicht sein ob, sondern wie wir unsere Schülern am Informationshighway teilhaben lassen. Schüler werden selbständig nach Informationen zum Sport suchen und es wäre schön, wenn sie auch brauchbares Material finden, welches von kompetenten Sportlehrern entwickelt worden ist. Der Sportunterricht könnte sehr davon profitieren. Ein Beispiel ist das Lernprogramm Kraulschwimmen .

Andererseits ist natürlich der Sport auf das sinnliche Erleben ausgerichtet. Computer können zur Verarmung menschlicher Erfahrung beitragen und Sportunterricht sollte nicht kognitiv überladen werden. Insofern ist der Vorteil der neuen Informationsbeschaffung und Diskussion wohl eher für Lehrende und Studierende des Sports interessant, ja es wird gerade zu einer wichtigen Aufgabe der Sportpädagogik werden, die Computerkids für den Sport zu begeistern und die Zeit vor dem Bildschirm begrenzt zu halten.
 
 

6. Sportunterricht und Internet - eine sinnvolle Verbindung ?

Die Frage läßt sich erst dann wirklich beantworten, wenn tatsächlich umfassendere Materialien zum Lehren und Lernen im Sport vorliegen. Mit "Sportpädagogik-Online" habe ich den Versuch gestartet, in diesem Bereich erste koordinierende Arbeiten durchzuführen und Mitmacher/innen zu finden. Es gibt zwar viele positive Rückmeldungen und die Zugriffe auf meine Sportpädagogikseiten sind beachtlich (über 10.000 in einem Jahr) , gutes Unterrichtsmaterial ist aber immer noch recht rar.

Wie auch immer: Die Zahl der online verfügbaren Materialien zum Sport und Sportunterricht wird wachsen und hoffentlich unsere Arbeit bereichern.

Probleme wie Datenstau und Telefongebühren könnten diese Perspektiven leider etwas einschränken. Trotzdem sind die neuen Möglichkeiten faszinierend und wir sollten darüber diskutieren, wie wir sie sinnvoll nutzen können.

 
 



 
Literatur

 Stoll, C. (1995) Die Wüste Internet - Geisterfahrten auf der Datenautobahn, (S. Fischer Verlag) , Frankfurt am Main
 
 

Internetadressen

Animierte Lehrbildreihen
http://members.aol.com/sportpaed/anspogif/index.html

Ayden Elementary School / John Williams
http://schools.eastnet.ecu.edu/pitt/ayden/physed.htm

Internet und Sportunterricht (Scheffen Schiedeck / Jens Gelhard )
http://www.math.uni-goettingen.de/schiedek/AVMedien.html

Lernprogramm Kraulschwimmen
http://members.aol.com/sportpaed/sw/kraul.html

PE-Central
http://infoserver.etl.vt.edu/~/PE.Central/

Sportpädagogik-Online
http://members.aol.com/rolfdober/sportpaed/index.html
 
 

Sports-Media
http://www.ping.be/sportsmedia/


18.5.98 Aktuelle Version (Dez.2018)