Rolf Dober
 
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10 Irrtümer in der Schulleichtathletik

 


Ich möchte hier einige zugespitzte Thesen zum Leichtathletikunterricht in der Schule darlegen.

Es bestehen m. E. oft problematische Vorstellungen darüber, was unter schulischen Bedingungen im Unterricht überhaupt erreicht werden kann und welche Voraussetzungen die Schülerinnen und Schüler haben, die sich mit Grundformen und der Vielfalt des Laufens, Springens und Werfens vertraut machen sollen.

Dies trifft teilweise auch auf die Fachliteratur und auf Lehrpläne zu. 
Viele fachmethodische Bücher zur Leichtathletik haben den fragwürdigen Untertitel "für Schule und Verein", ohne die zentralen Unterschiede zu thematisieren. Lehrpläne übertreffen sich manchmal mit der Aufzählung von Bewegungstechniken, die selbst für Spezialisten schwierig sind. Die DLV-Mehrkampfwertung gibt Richtwerte für Bundesjugendspiele, Sek.II-Kurse und das Abitur im Fach Sport.

Elementare Erkenntnisse aus dem Bereich Sportdidaktik, Bewegungs- und Trainingslehre sollten bei der Formulierung von Zielen, Inhalten und Methoden des Unterrichts nicht übersehen werden.


 


 

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Irrtum 1
Bezugspunkt des Unterrichts ist die "richtige" Leichtathletik.
Leichtathletik in der Schule kann kein Spiegelbild der außerschulischen "Wettkampfleichtathletik" sein, wenn sie das Ziel hat, alle Schüler mit Grundformen des Laufens, Werfens und Springens vertraut zu machen.

Nimmt man die "Wettkampfleichtathletik" als Vorbild, sind Misserfolgserlebnisse und Langeweile vorprogrammiert, denn es ist im Schulsport schlichtweg unmöglich, umfassende Lern- und  vor allem Trainingsprozesse zu organisieren.

Geht man stattdessen mehr von der Vielfalt des Laufens, Springens und Werfens aus, lassen sich interessantere und schülergerechtere Formen des leichtathletischen Sich-Bewegens finden. 


Irrtum 2
Sportunterricht sollte sich auf Kerndisziplinen der Leichtathletik beschränken.
Sprint, Ballwurf/Kugelstoß und Weitsprung sind vielfach immer noch die zentralen Disziplinen der Schulleichtathletik.
Die Bundesjugendspiele Leichtathletik beschränken sich oft auf diesen "Dreikampf".

Außer der relativ  leichten Organisierbarkeit kann dies pädagogisch kaum schlüssig begründet werden.. 
Vorschläge für einen abwechslungsreichen Leichtathletikunterricht
 


Irrtum 3
l
 Im Sportunterricht ist leichtathletisches Training möglich. 
(Training physischer Grundeigenschaften).

Es gehört zu den Grunderkenntnissen der Trainingslehre, dass nur ein regelmäßiges Training auch zu physischen Anpassungsprozessen (v.a. Kraft und Ausdauer) führt.

Ziele wie "Verbesserung der Sprungkraft" (als Veränderung muskulärer Eigenschaften) sind deshalb unter normalen schulischen Bedingungen nicht oder nur eingeschränkt erreichbar.
Trainingsgewinne lassen sich vor allem über den koordinativen Aspekt  erzielen. 


Irrtum 4
Leichtathletik ist d i e Sommersportart für die Schule.

Lernen und Üben leichtathletischer Bewegungen lässt sich oft in der Halle besser und einfacher organisieren als auf dem Sportplatz, da hier bessere Ausstattung von Hilfsgeräten bereit steht (vor allem im Bereich Sprung und Wurf). 

Beispiele: Springen mit Geländearrangements, mobile Weichmatten, Hallenkugeln ... 
Umgekehrt sollte man nicht den ganzen Sommer mit Leichtathletik (auch nicht unter dem Aspekt der Vielfalt) verbringen. 
 


Irrtum 5
Sprint: Der 100-m-Lauf ist eine Sprintstrecke.

Natürlich ist der 100m-Lauf eine Sprintstrecke - jedenfalls für austrainierte Sprinter.

Das sind unsere Schüler in der Regel aber nicht.
Um wirklich maximal schnell laufen zu können, sollten Sprintstrecken erheblich kürzer sein, um nicht einen kurzen Mittelstreckenlauf zu organisieren. 
 


Irrtum 6
Ausdauer:
Mittelstreckenläufe sind ein sinnvoller Inhalt im Ausdauerbereich.
(Oder eine gute Vorbereitung auf längere Läufe)

Mittelstrecken sind für untrainierte Schüler überhaupt nicht zu empfehlen.
Immer wieder beobachte ich, dass untrainierte Schülerinnen und Schüler im Unterricht zum Mittelstreckenlauf angehalten werden:
"Heute laufen wir mal 800/1000m !" 

Dies ist insofern verwunderlich, da hier ja anaerobe Ausdauer gefordert ist, die nur auf der Basis vorhandener aerober Ausdauer entwickelt werden sollte und unter schulischen Bedingungen kaum trainierbar sein dürfte. 
Wenn Schüler beim Laufen überfordert werden können, dann hier.

Sportmedizinisch sind solche Anforderungen längst als falsch eingestuft worden, aber selbst in Lehrplänen tauchen sie immer noch vereinzelt auf.
Je länger desto besser, sollte stattdessen die Devise heißen (Laufen im aeroben Bereich).
Leistungsmessungen und -vergleiche sollten dabei keineswegs ausgelassen werden, sind aber nicht unbedingt für alle Schüler sinnvoll.

Schüler sollten erfahren, dass Laufen durchaus das unmittelbare Wohlbefinden steigern kann (im Gegensatz zu der Erwartung, dass die Anstrengung Missbehagen verursacht). Miteinander laufen statt gegeneinander zu laufen stellt m.E. eine ebenso wichtige Erfahrung dar. 

Vielseitiges Lauf- und Ausdauertraining
 


Irrtum 7
Sprung:
Weitsprung ist einfach - andere Sprungdisziplinen sind schwierig.

Weitsprunganlagen sind im Sommer immer von Schulklassen umlagert.
Das Messen und Vergleichen von Weiten ist sicherlich interessant, "richtiges" Üben der Weitsprungtechnik aber sehr schwierig.
So springen nach meinen Beobachtungen auch ca. 80% der Schülerinnen und Schüler die einfache Hocksprungtechnik.
Absprung und Landung sind zudem noch wenig entwickelt. Dies verweist darauf, dass Weitsprung eher eine schwierige Disziplin ist.

In die Weite springen will gelernt sein

Andere Sprungdisziplinen (Hochsprung, Mehrfachsprünge, Stabsprünge) spielen in der Unterrichtspraxis oft nur eine untergeordnete Rolle, obwohl gerade hier auch andere interessante Bewegungserfahrungen möglich werden.
 


Irrtum 8
Anforderungen müssen jahrgangs- und geschlechtsspezifisch gestellt werden.
Alle Schüler  müssen im Unterricht das Gleiche machen.
 
Strecken, Maße und Gewichte der Wettkampfleichtathletik sollten nur dann für die Schulleichtathletik übernommen werden, wenn sie auch begründet werden können. 

Das ist aber schon dann nicht mehr einheitlich möglich, wenn man sich die unterschiedlichen physischen Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler einer Klasse ansieht. Warum sollen z.B. (kleine, dünne) 16-jährige Jungen eine schwerere Kugel stoßen als die Weltrekordlerin im Kugelstoßen der Frauen?

Streckenlängen, Abstände beim Hürdenlauf, Gewichte bei Kugel, Diskus, Speer, Ballwurf können individuell angepasst werden. Nicht nur beim Erlernen einer Technik, sondern auch beim Leistungsvergleich und der Leistungsmessung.
"Relativwettkämpfe" sind eine gute Möglichkeit, körperliche Voraussetzungen und Leistungsfähigkeit in eine sinnvolle Beziehung zu setzen.


 

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Irrtum 9
Objektive Leistungsmessung schafft objektive Beurteilung.

Die bisherigen Argumente machen notwendigerweise auch eine Leistungsbeurteilung fragwürdig, die vorwiegend den physischen Aspekt in den Mittelpunkt stellt. Chancengleichheit ist gerade durch genormte Maße und Gewichte nicht mehr gegeben und schafft bei den Schülern notwendigen Ärger über die Sportnote, die ungünstigere körperliche Voraussetzungen haben.
 


Irrtum 10
Spielleichtathletik löst die Probleme des traditionellen Leichtathletikunterrichts.

Die neueren Ansätze zur Spielleichtathletik schaffen nicht automatisch die bemängelten Punkte ab.
Entscheidend wird die Frage sein, inwieweit Laufen, Werfen und Springen in der Schule tatsächliche umfassendere Körper- und Bewegungserfahrungen ermöglichen und sinnvolle Bewertungsmaßstäbe angelegt werden.
Die materielle und personelle Ausstattung des Unterrichts wird dabei eine entscheidende Voraussetzung sein.
 

Vorschläge für einen abwechslungsreichen Leichtathletikunterricht

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